Dienstag / Mittwoch, 28. und 29. 09. 2004
Rückreise
Gegen 9 Uhr stand ich auf. Das war allerdings bereits das zweite Mal, dass ich diesen Morgen aus dem Schlaf
„glitt“. Das erste Mal war gegen 7 Uhr, als meine Gastmutter mich mit einiger Mühe weckte, um mir noch auf
Wiedersehen zu sagen, bevor sie zur Arbeit musste. Gequält schleppte ich mich noch ein letztes Mal in das
Badezimmer, packte meine restlichen Sachen zusammen und frühstückte noch einmal. Meine Gastmutter hatte mir
netterweise einen riesigen Reiseproviant hingestellt, was die nächste morgendliche Anstrengung darstellte,
da ich mich nun fragte, wie das alles in meinen Rucksack passen sollte. Ich durfte die wirklich überwältigende
ungarische Gastfreundschaft bis zum Schluss in vollen Zügen genießen.
Als nun endlich alles fertig war, ging es mit dem „Familien-Corsa“ zum Bahnhof, was keine zwei Minuten dauerte
und eigentlich auch zu Fuß zu bewältigen gewesen wäre, aber, naja, warum auch nicht, ist so auf jeden Fall
deutlich bequemer.
|
Nun befanden wir uns also wieder auf dem Heimweg. In unserem nostalgisch anmutenden Abteil saßen alle zunächst
mehr oder weniger schweigend; es war zu merken, dass jeder die letzten Tage noch einmal Revue passieren ließ.
Klar freute man sich auch wieder auf zu Hause, aber man hatte doch viele nette Leute kennen gelernt, die man
eigentlich nicht mehr missen mochte. Außerdem war Eger eine Stadt, in der man sich durchaus zu Hause fühlen
konnte, wenn man durch die verwinkelten Straßen ging, ja, man konnte sich wohl fühlen. Während ich in Gedanken
schwelgte, überwältigte mich doch langsam die Müdigkeit und die Zeit bis Budapest wurde im Halbschlaf verbracht,
bis wir unser Etappenziel, Budapest-Keleti pu, um 12 Uhr 47 erreichten.
Raus aus dem Zug, hinein in den österreichischen Zug, der uns nun wie der absolute Luxus erschien. Schnell noch
die Leute aus dem reservierten Abteil verjagt und dann war der Zug um 13 Uhr 05 auch schon unterwegs weiter gen
Heimat.
Nachdem die „Liegefunktion“ der doch recht komfortablen Sitze entdeckt war, wurde aus dem Abteil eine Liegewiese,
was einem ermöglichte, den verpassten Schlaf der letzten Nacht nachzuholen, bis man das – sogar die Musik im
Discman übertönende – „Passport please“ der ungarischen Zollbeamten vernahm und nach kurzer Ausweiskontrolle
auch nicht weiter belästigt wurde. Nach dem Überqueren der Grenze nach Österreich das Ganze noch mal, mit dem
Unterschied, dass die Beamten nun ein recht lustig klingendes Deutsch sprachen. War da nicht was mit „Vaterland
Europa?“ – da muss man sich doch geirrt haben, die Grenzen sind offenbar immer noch vorhanden. Was ein Wunder...
Die nächste Zeit war erst mal recht ereignislos, bis dann zwei dubiose Gestalten vor dem benachbarten Abteil
auftauchten, in dem sich neben einem unbekannten, nahöstlich anmutenden Mann auch unsere beiden Lehrkörper
befanden. Die beiden Gestalten entpuppten sich als zwei weitere Diener der Staatsmacht, die nun eine
Inlandskontrolle durchführten und die Ausweise penibel kontrollierten; auch eine Datenbankabfrage im mitgeführten
Notebook blieb nicht aus. War es die Schuld des Unbekannten oder eher die Schuld von Herrn Alsen, der ein Buch
über die Revolution von 1918 las, dass ausgerechnet dieses Abteil kontrolliert wurde? Egal...
Die Zugfahrt zog sich hin, das Liegen wurde langsam ungemütlich und Langeweile begann sich breit zu machen. Vom
Buch zum Discman und wieder zurück ... irgendwann war dann auch diese Etappe geschafft und wir erreichten mit
ca. 10 Minuten Verspätung um 20 Uhr 45 München Hbf. Ich hatte die erste Kofferwache übernommen. Diese ging auch
schnell vorbei, und wir verließen den Bahnhof und kreuzten ein wenig durch München. In den Straßen sah es nicht
großartig anders aus als im Bahnhof und ich begann Ungarn mehr und mehr zu vermissen, was außerdem noch durch
die Tatsache verstärkt wurde, dass das Oktoberfest im vollen Gange war und es in München von Festwiesen-Gästen
wimmelte.
Endlich wieder im Zug wurde mir eins klar: Ich werde diese Nacht nicht oder zumindest sehr schlecht schlafen.
„Schlafsessel“ waren gebucht, doch lässt sich dazu nur eins sagen: Auf einem Holzfußboden schläft es sich besser.
Wer diese Teile erfunden hat, wusste, dass er niemals in ihnen schlafen müsse. Es war mittlerweile 23 Uhr und die
Müdigkeit kam zurück. Schließlich entglitt ich doch in einen Dämmerzustand, was sich aufgrund des Lärmpegels
meiner netten MitschülerInnen nicht gerade einfach gestaltete. Doch auch dieser friedliche Geisteszustand sollte
gestört werden: Eine der beiden Frauen, die hinter meiner Sitzreihe saßen, fühlte sich verpflichtet, mir ihre
Füße unter die Nase zu halten (und die können nach einer langen Zugfahrt etwas abartig duften). Darüber hinaus
nahm ich war, dass die wenigsten Leute in diesem Großraumwagen vorhatten, zu schlafen. Doch Gewalt ist keine
Lösung, und so wurde auch der Gedanke zu spontanen Übergriffen auf MitschülerInnen verworfen, die einem mit
ihrem permanenten Rumgequatsche furchtbar auf die Nerven gingen. Irgendwann war es schließlich auch möglich,
kurze Nickerchen zu machen, die dann aber immer wieder durch etwas gestört wurden.
Letztendlich war es auch schon 7 Uhr 44 und wir erreichten Hamburg-Dammtor. Die 40 Minuten Aufenthalt zogen sich
auf eine Stunde hin, aber das liegt ja immer noch im gewohnten Toleranzbereich der Deutschen Bahn. Die Zugfahrt
blieb auch eher ereignislos, abgesehen davon, dass wir nicht die einzige Schulgruppe im Zug waren, aber dafür
die einzige mit einer Reservierung, was bei der Gruppe von der anderen Schule für etwas Verwirrung sorgte (wer
lesen kann, ist klar im Vorteil ...). Gegen 9 Uhr 30 waren wir dann auch schon in Neumünster-City. Mein Fazit
zur Rückfahrt: Ein eher lästiger Teil des Austausches, zumindest in unserem Fall.
|